Warum das WWW verschmutzt

Im World-Wide-Web - leichter auszusprechen: im Web - erkennt heutzutage die ganze Welt den größten Marktplatz, den die Menschheit je gesehen hat: Buchstäblich alle Welt hat Zugang zu jedem Angebot, zu jeder Ware und jeder Information, die im Web publiziert ist.

Im Web finden sich Milliarden von Menschen ein, die von -zig Millionen von Anbietern als potentielle Kunden gesehen werden.

Das Web wurde aber nicht als Marktplatz geschaffen, sondern als Informations-Medium. Dem Gründungsgedanken lag Information, der Austausch und die Verfügbarkeit von Information zugrunde.

In dem Maße, wie das Web in den letzten 20 Jahren wuchs, die Kosten für den Zugang sowohl als Nutzer wie als Anbieter schrumpften und die Übertragungsleistung gesteigert wurde, wuchs die Zahl der Nutzer des Web unaufhaltbar.

Unter den Nutzern des Web finden sich auch in ständig wachsender Zahl Menschen, die eine Chance erkennen und ergreifen, das Web auch ohne eine entsprechende Ausbildung geschäftlich zu nutzen. Soweit - so gut. Weniger gut erweist sich eine parallele Entwicklung:

Früh erkannten skurpellose Geschäftemacher, also Menschen, die jede Möglichkeit auf schnellen Rebbach ohne jegliches moralische oder ethische Bedenken ergreifen, dass das Web ihnen einen höchst preiswerten Weg zu den Massen der Nutzer ermöglicht, wenn sie jede gebotene Höflichkeit und Rücksicht auf die Person und die Achtung ihrer Sphäre außer Acht lassen. Sie dringen ungeniert in jedes "Haus" ein und knallen dort ihren Kaufanreiz ungebeten auf den Tisch.

Angefangen hat nur mit dem Medium "email", das auf diese Weise schamlos missbraucht wurde. Bald fand buchstäblich jeder Nutzer nicht erbetene Kaufanreize für alles (Un-) Mögliche. Es konnte nicht ausbleiben, dass auch Millionen für die Hilfe bei fiktiven offensichtlich als Köder dienenden illegalen Transaktionen versprochen wurden.

Viel musste von den eMail-Providern getan werden, um solchen Auswüchsen Einhalt zu bieten, doch bis heute ist es nicht völlig gelungen. Wer beruflich mit eMail zu tun hat, muss Zeit und Geld aufwenden, um mit Filtern und Software die Überschüttung mit ungewollter Werbung auf ein zumindest erträgliches Maß zu reduzieren.

Dann kamen Viren, Würmer, Trojaner und anderer Schädlings-Software, die per eMail und bald auch per getarnter Websites einen billigen Vorteil zum offensichtlichen Schaden für den Betroffenen suchten. Eine ganzer neuer Industriezweig musste geschaffen werden, um die Nutzer vor derartigem Missbrauch zu schützen.

Bald erkannte man, dass die Suchmaschinen eine schier unerschöpfliche Quelle potentieller Kunden sind. Und die schon oben erwähnten Geschäftemacher begannen Möglichkeiten zu ersinnen, die Suchmaschinen zu überlisten, dass sie Suchende auf ihre Websites zu bringen, auch wenn Angebot und Suchbegriff nicht einmal im Entferntesten zusammen passen. Die alte Unart in neuer Spielart: Störend etwas auf den Tisch knallen, was da nicht hingehört in der Hoffnung, dass der Eine oder Andere sich doch so weit irritieren lässt, dass er seine eigentliche Absicht vergisst.

Natürlich mussten Suchmaschinen - die ja in einem Konkurrenzkampf um zahlende Werbekunden stehen - viel "Denkstoff", Geld und Zeit aufwenden, um in ihren Ausgabeseiten die Spreu vom Weizen zu trennen. Zu offensichtlich ist die Konsequenz, wenn die Nutzer einem Anbieter davonlaufen, weil ihnen die Suchergebnisse auf die Nerven gehen, statt ihnen zu dienen.

Welcher nüchtern rechnende Unternehmer würde so einer Suchmaschine Werbung in Auftrag geben?

Schließlich entdeckte man die wahre Goldgrube, das Web, und hier die unaufhaltsam wachsende Zahl der "neuen Unternehmer", die im Web eine Chance erkennen, ihr Leben auf eine neue Basis und auf neue Beine zu stellen. Die vermutlich weitaus größte Zahl von Websites soll heute primär diesem Zweck dienen, doch in Wahrheit wird hier das gleiche böse Spiel getrieben, wie mit eMail, nur ist es nicht so offensichtlich.

Findige Geschäftsleute erkannten das fast grenzenlose Potential des Marktes "neue Unternehmer" und erfinden immer neue Geheimnisse, um sie teuer an Menschen zu verkaufen, die wirklich nach Lösungen für ihre wirtschaftliche Not und Möglichkeiten nach finanziellem Ertrag suchen.

Hinz und Kunz schreibt, dem Rat vermeintlicher Gurus folgend, eBuch um eBuch, welches die Lösung eines Geheimnisses für teures Geld verspricht. Meier und Schmitt schaffen Kurse über Dinge, die sie nie gelernt haben, indem sie vermeintlich brauchbares Material durch den Fleischwolf drehen und neu garnieren.

Abgesehen davon, dass vielleicht 95% aller eBücher kaum einen Verleger finden würden, der es als gedrucktes Buch für 7,80 oder weniger auf den Markt bringt, scheinen ihre Hersteller der Überzeugung zu sein, dass im Web "alles geht" - 39,50 für 50 sorglos zusammen geschriebene Seiten zum Beispiel, wenn man das Produkt nur laut genug schreiend anbietet.

Und natürlich fehlt es nicht an Gurus, die Kurse, Workshops und Coaching für's "lauter Schreien im Web" gegen klingende Münze (nein ... raschelnde Scheine!) feilbieten. Sie machen auch nicht Halt davor, angeblich unfehlbare Systeme zu verkaufen, die mit Hunderten von an sich wertlosen Websites die Welt und ihre Menschen täuschen sollen:

Seit der Marktführer unter den Suchmaschinen, Google, verkündet hat, dass die Zahl von Verweisen auf eine Website als ein Hinweis auf ihre Qualität gewertet wird, stürzte sich die Meute erfinderischer Geschäftemacher wie hungrige Wölfe darauf. Sie schufen Netzwerke von Hunderten, ja vielleicht Tausenden von Websites, die allesamt von Software "automatisch" generiert werden, um einer Website durch diese so (maschinell) geschaffenen Verweise das Merkmal "hohe Qualität durch viele Verweise" als Mäntelchen umzuhängen.

Maschinell erzeugte Websites als Mittel zum (bösen) Zweck im Mäntelchen brauchbarer Information. Sie bewerben diese Systeme mit unübersehbarem virtuellen Schutt (Lärm, Schmutz); und natürlich werden diese System auch von Neulingen im guten Glauben gekauft, dass es eine gute Investition sei.

So wird buchstäblich jede neue Erscheinungen im Web sofort für vermeintlich geschäftliche Zwecke vereinnahmt. Egal ob Blogs, Facebook, MySpace, Twitter und viele weitere Entwicklungen, die eigentlich dem Bedürfnis der Menschen dienen sollten, sie wurden entweder schon mit der Absicht geschaffen, neue, profitabel verwertbare Vertriebskanäle zu schaffen, oder sie wurden flugs von Geschäftemachern vereinnahmt, missbraucht und "verschmutzt" oder "verlärmt".

Nun sind dies alles Entwicklungen, die, wenngleich nicht gerade erfreulich, doch nicht aufzuhalten sind. Natürlich werden die Suchmaschinen - allen voran Google - "gescheiter" werden und lernen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Auf der Strecke werden jene bleiben, die mit ihren teuren System aus den Ergbnisseiten der Suchmaschinen verbannt sind, weil der Schwindel maschinell erkannt wird.

Die Frage, die sich der Einzelne, Nutzer wie Anbieter, stellen muss und worauf eine zufrieden stellende, zu einer Entscheidung führende Antwort gefunden werden muss, zu der man mit der ganzen Person ohne faule Kompromisse stehen kann, lautet:

Will ich diese Entwicklung mitmachen? Will ich dazu gehören?

Ich für meine Person habe diese Entscheidung schon lange getroffen, und die Antwort lautet nein. Ich will nicht dazu gehören.

Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch: Ich bin kein Feind von Werbung, von Verkauf oder von Handel, Wirtschaft und Geld. Ich verabscheue nur jeden Auswuchs ins Unvernünftige, Unlogische, Störende.

Und ich suche nach besserem, vernünftigerem Umgang mit den Ressourcen, die wir haben. So finde ich zum Beispiel die 25 kg Werbemüll, die wöchentlich in meinem Wohnhaus anfallen, eine absurde Verschwendung von Ressourcen, die nur deshalb aufrecht erhalten wird, weil den "Kreativen" der Branche nichts Besseres einfällt.

Ich kann es nicht verhindern, aber ich fördere es auch nicht, indem ich auch nur irgend eines der meinen Hauspostkasten zu-müllenden Werbestücke je anschaue. Will sagen: Wer mich mit solcher Werbung einmüllt, verursacht mir Kosten am Ort und erwartet, dass ich seinen Aufwand mit meinem Einkauf finanziere. Und ich weigere mich schlicht, das zu tun und kaufe aus Prinzip dort ein, wo kein Müll produziert wird.

Was das Web angeht, verhalte ich mich ähnlich: Ich öffne weder nicht erbetene oder erwartete eMails, noch rufe ich Websites auf, wenn ich nicht einen Bedarf habe. Ja, gelegentlich stimmt mich das Ergebnis meiner Suchmaschinen-Anfragen auch unmutig, weil es einfach zu viel Schrott enthält.

Und das hat mich zu einer Vision für den virtuellen Markt gebracht.

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